Während sich die deutschen WM-Fahrer die Wunden im Urlaub lecken, steigt bei einem jungen Fußballnationalspieler aus Elspe die Vorfreude von Tag zu Tag. „Ein Nationalspieler aus Elspe? Ja! Robin Meyer, er wird am morgigen Sonntag 18 Jahre jung, freut sich riesig auf „seine“ Europameisterschaft in den Niederlanden. Robin spielt in der deutschen CP-Nationalmannschaft. Vom 19. bis 21. Juli kommt der deutsche EM-Kader im Elsper „Wiesengrund“ zu einem letzten Vorbereitungsslehrgang zusammen, ehe es am 22. gemeinsam nach Zeist bei Utrecht zur Europameisterschaft geht.
„CP-Fußball wird von Menschen mit einer zerebralen Bewegungsstörung (Cerebralparese) gespielt, die auf eine neurologische Schädigung des Gehirns zurückzuführen ist und Auswirkungen auf die Bewegungsmotorik hat“, beschreibt CP-Nationaltrainer Conny Frank Fritsch den CP-Fußball. Ursache können Unfälle, Hirnschlag oder aber auch beispielsweise mangelnde Sauerstoffversorgung während der Geburt sein.
Robin trägt Einlagen, er hat Probleme mit den Füßen, vor allem dem rechten. Anzusehen oder gar anzumerken ist diese Beeinträchtigung dem blonden Teenager jedoch nicht. Robin ist mit Leib und Seele Fußballer. Beim SSV Elspe hat er von den Minikickern bis zur A-Jugendmannschaft, in der er aktuell spielt, alle Altersklassen durchlaufen. Talent und Leidenschaft hat der Linksfuß Robin von Vater Michael geerbt, der selbst Jahre lang für den SSV aktiv war.
Wie ist aus einem Elsper Jungen ein Nationalspieler mit bereits einem Dutzend Einsätzen im Trikot mit dem Adler geworden? Vater Michael lacht: „Das war vor zwei Jahren und reiner Zufall. Meine Schwägerin war in der Physio bei David Meiworm in Altenhundem. Gesprächsweise erzählte sie David von Robin.“ David – er ist als Physio des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) auch Teil der CP-Nationalmannschaft – stellte den Kontakt zu dem damaligen Cheftrainer Thomas Pfannkuch her. Robin weiter: „Der hat mich dann zu einem Leistungslehrgang nach Braunschweig eingeladen. Dort wurde ich dann auch klassifiziert, das heißt, der Grad meiner Beeinträchtigung bestimmt. Es gibt drei Grade: Stufe 1 heißt, beide Beine sind betroffen, Stufe 2 bedeutet halbseitiges Handicap, Stufe 3 kann man ,kaum beeinträchtigt‘ nennen.“    
Eine CP-Mannschaft besteht aus sechs Feldspielern und einem Torwart. „Es muss immer mindestens ein Spieler der Stufe 1 und maximal ein Spieler der Stufe 3 spielen“, sagt Robin. Für den EM-Kader wurde der 17-Jährige erneut untersucht und klassifiziert. „Stufe 1 wäre für das Team super“, warten Vater und Sohn noch auf das Ergebnis.
„Robin ist für seine Klassifizierung enorm schnell und beackert die linke Außenbahn. Er ist torgefährlich und wäre für die EM eine echte Bank.“ Gespielt wird auf verkleinerter Fläche, Abseits ist aufgehoben, die Spielzeit beträgt 2x30 Minuten.
Die Schule, Robin geht zum Gymnasium Maria Königin in Altenhundem und möchte nach dem Abitur eine Ausbildung antreten, und Fußball bestimmen derzeit sein Leben. „Ich habe aber auch ein Angebot aus der Leichtathletik. Wir waren im Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum Kienbaum südlich von Berlin. Dort waren dann Deutsche Meisterschaften und ich bin in meiner Klasse Deutscher Meister im Parasport über 100 und 200 Meter in der AK U20 geworden. Daraufhin wollte mich Bayer Leverkusen haben. Aber Fußball ist mir wichtiger. Ich bin jung und kann Alles auf mich zukommen lassen. Mal sehen“, lächelt er.
CP-Fußball bedeutet auch Eigeninitiative und großen Einsatz der Familien, denn CP-Fußball steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. CP-Fußball war von 1984 bis 2016 paralympisch, Deutschland konnte jedoch nie ein Team nominieren, daher wurde 2014 ein Nationalteam unter dem Dach des DBS gegründet. Die Mannschaft wird zu Lehrgängen zusammengerufen, im Lauf der Zeit hat sich ein Stamm aus etwa 80 Spielern gebildet, aus denen sich der eigentliche Kader rekrutiert. Zur EM fahren 14 Spieler.
„Familienangehörige und Freunde unterstützen CP-Fußball. Wir bilden Fahrgemeinschaften zu den Lehrgängen und halten den Kontakt untereinander“, sagt Michael Meyer. Das Problem ist: Nachdem 2016 CP-Fußball aus der Liste der paralympischen Sportarten gestrichen wurde, ging es mit der Förderung drastisch bergab. Aktuell beträgt der Jahresetat etwa 9000 Euro, Unterstützung kommt von der Hannelore-Kohl-Stiftung. „Spenden sind immer gern willkommen“, so Michael Meyer. „2017 waren wir zu einem Lehrgang in Leipzig. Da kam Ralf Rangnick und schaute zu. Anschließend lud er den Kader auf seine Kosten zu einem weiteren Lehrgang in diesem Jahr ein. Wir wünschten uns Nachahmer.“
In Elspe sollen laut Conny Fritsch „Spielzüge eingeübt“ werden, um „in Zeist eine gute Rolle zu spielen“. Unter anderem ist ein Testspiel gegen die A-Junioren des SSV geplant, das steigt am Freitag, 20. Juli, ab 19 Uhr in Elspe. Zuschauer sind natürlich willkommen.
Robin Meyer hofft: „Wir haben eine gute Vorrundenauslosung erwischt. Gespielt wird in zwei Fünfergruppen. In Gruppe B stehen mit Russland, Ukraine – das sind immer die Turnierfavoriten, die sind uns im CP-Fußball um Jahre voraus – und England drei der vier WM-Halbfinalisten. Wir spielen gegen Gastgeber Holland, Irland, Nordirland und Dänemark in einer Gruppe. Das wird nicht leicht, aber zuletzt haben wir Holland, in unserer Gruppe favorisiert, mit 2:1 und 6:1 geschlagen. Das hätte auch zweistellig sein können, ich habe noch ein, zwei Dinger versemmelt“, schmunzelt der Außenstürmer, der Arjen Robben zum Vorbild hat.
Was rechnet sich Robin für die EM vom 22. Juli bis 5. August aus? „Unser Ziel heißt Halbfinale. Das sollte möglich sein. Platz 2 in der Gruppe ist drin.“
In Deutschland spielt CP-Fußball keine Rolle, in anderen Ländern wie Russland oder Ukraine gibt es eigene Vereine und Ligen: „Davon können wir in Deutschland nur träumen“, weiß Conny Frank Fritsch um die gravierenden Unterschiede. Der Landshuter ist – und das sagt viel aus über die Infrastruktur – Nationaltrainer, Manager und Webmaster in einem.
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